8. Wie Ricky zwei Männer auf dem Wasser gehen sah

(nach Matthäus 14, 22-33)

Es war ein herrlicher Sonnentag und Ricky und Salome machten mit Rebekka und ihrer Familie ein Picknick am See. Es gab leckere Sachen zu essen, sie badeten und machten lustige Spiele und als es Abend wurde, waren sie alle ganz erschöpft. Als Rebekka vor lauter Müdigkeit schon die Augen zufielen, rief ihr Vater alle zusammen, damit sie einpackten und nach Hause gingen. Gerade in dem Moment entdeckte Ricky ein paar bekannte Gesichter. Es waren die Freunde von Jesus, die immer mit ihm zusammen waren. Sie kamen zum Seeufer und machten ihr Boot bereit zum Ablegen. Ricky dachte an sein Abenteuer im Sturm, als Jesus mit auf dem Schiff war und das Unwetter durch einen einfachen Befehl zum Beruhigen gebracht hatte, und es kribbelte ihn ganz gewaltig in den Flügeln. Ein neues Abenteuer wäre der perfekte Abschluss für so einen schönen Tag!

„He Salome“, rief er seiner Freundin, der Eidechse, zu. „Wie wäre es mit einem Ausflug auf den See?“
Salome schüttelte heftig den kleinen Kopf. „Auf keinen Fall! Ich werde ja doch nur seekrank. Merkst du nicht, wie windig es wird? Das Boot wird die ganze Zeit hin- und herschaukeln.“ Und tatsächlich wurde sie schon richtig ein bisschen grün um die Nase bei dem bloßen Gedanken an die Schiffsfahrt.
„Ach, sei doch nicht so empfindlich!“, maulte Ricky, weil er es gern gehabt hätte, dass Salome mitkam, aber sie ließ sich nicht umstimmen. Sie flüsterte hartnäckig, dass sie nach Hause wolle und keine Lust auf so eine wacklige Angelegenheit hätte, und Ricky musste sich wohl oder übel überlegen, ob er trotzdem gehen wollte. Immerhin würde es bald Nacht werden und weil er in der Dunkelheit nicht gut sah, konnte er auch nicht vom Boot wegfliegen, wenn es ihm nicht mehr gefiel. Doch die Lust auf ein Abenteuer siegte und er flog mit einem „Tschüs“ davon, das der Wind verwehte.

Auf dem Boot setzte er sich auf die Reling ganz vorn im Bug und besah sich die Gegend, während die Männer schufteten und sich abmühten, vom Ufer wegzukommen. Endlich waren sie draußen und konnten das kleine Segel setzen, das den Wind einfing und sie vorwärtstrieb. Das gegenüberliegende Ufer war ihr Ziel. Zu Rickys großem Bedauern kam Jesus jedoch nicht noch in letzter Sekunde, um an Bord zu springen, und eine ganze Weile geschah überhaupt nichts. Als es dunkel wurde, legten sich die meisten der Männer schlafen; zwei blieben wach, um zu steuern und aufzupassen, dass nichts passieren konnte. Bei so viel Mangel an Aufregung blieb Ricky nichts anderes übrig als ebenfalls zu schlafen. Vorsichtshalber blieb er aber nicht auf der Reling sitzen, sondern hüpfte hinunter, wo er es sich in einer Rolle Tau gemütlich machte. Er hatte nämlich nicht vergessen, wie er beim letzten Mal ins Wasser gefallen war!

Ein Tumult riss ihn aus seinen Träumen. Erschrocken schoss er in die Höhe und fiel auch prompt über das Tau und auf den Bauch. Ihm war ganz so, als hätte jemand was von einem Gespenst gesagt. Das Schiff rollte hin und her und kämpfte gegen hohe Wellenberge an und Ricky beruhigte sich wieder etwas. Wahrscheinlich waren sie nur damit beschäftigt, das Boot unter Kontrolle zu halten. Das mit dem Gespenst hatte er bestimmt nur geträumt. Doch dann sah er, dass alle Männer auf einer Seite des Kahns standen – bestimmt würde er bei der nächsten Welle kippen – und alle starrten wie gebannt auf den See. Eine große Woge kam und hob das Boot empor. Es kenterte nicht, aber die Männer fingen erneut an zu rufen und zu schreien.
„Da, da war es wieder!“
„Unheimlich!“
„Oh Herr, hilf!“, riefen sie durcheinander und als einer oder zwei voller Inbrunst sagten „Es ist ein Geist, ein schreckliches Gespenst!“, da wurde es richtig wild. Die Männer liefen ziellos im Boot umher, jammerten oder klammerten sich aneinander. Sie waren überzeugt davon, dass nun ihre letzte Stunde gekommen war. Das Gespenst würde sie packen, ihr Boot durch die Luft wirbeln und sie alle ertrinken lassen. Der Einzige, der verbissen am Ruder stehen blieb und versuchte, sein Zittern zu beherrschen, war ein Mann namens Petrus.

Rickys Zähne klapperten inzwischen natürlich auch. Ein unheimlicher Geist spukte durch die Gegend und Jesus war weit weg und konnte ihnen nicht helfen. Er wagte kaum hinzusehen und schielte durch die Federn an seinem rechten Flügel vorsichtig in die Richtung, in der die Männer das Gespenst gesichtet hatten. Es war ziemlich schwer, überhaupt etwas zu erkennen, nicht nur. weil es eine mondlose Nacht war, sondern auch, weil sich die Wasserberge ständig so hoch um das Boot türmten, dass man nicht weiter als eine Armlänge schauen konnte.
Doch dann sah er es. Eine weiße Gestalt, umgeben von einem merkwürdigen Leuchten, kam auf sie zu. Und das Grausige war, dass sie schon sehr nahe war. Dann verschwand sie wieder in den Wellen. Die Männer schrien durcheinander, so sehr fürchteten sie sich. Und dann hörten sie eine Stimme, die ihnen irgendwie bekannt vorkam.
„He Freunde, fürchtet euch doch nicht, ich bin es!“
Sie hatten es alle gehört, was an sich schon ein Wunder war, denn das Tosen des Windes und das Rauschen und Schlagen des Wassers übertönte fast alles, und die Gestalt war zu weit weg, um sich mit einem normalen Rufen verständlich machen zu können. Ein Beben durchlief das Schiff, als sie die Stimme hörten und als ihnen bewusst wurde, wer da draußen auf dem See war. Zum ersten Mal konnte sich Ricky vorstellen, mit welcher Macht die Stimme dem Sturm damals geboten hatte.

„Jesus, Jesus – es ist Jesus“, jubelten die Männer los. Nur einer jubelte nicht und das war Petrus. Er legte die Stirn in Falten, ließ das Ruder los und ging zur Reling. Die anderen verstummten.
„Herr, wenn wirklich du es bist, dann laß mich auf dem Wasser zu dir kommen!“, rief er mit einem wild entschlossenen Blick in den Augen.
„Komm her zu mir, Petrus“, antwortete die Stimme. Und Petrus stieg über die Reling, stellte sich aufs Wasser und marschierte los. Er nahm die Gestalt, die zwischen den Wellen auf und nieder stieg, in den Blick und ging auf dem wogenden See. Den anderen Männern im Boot klappten die Münder weit auf, als sie das sahen. Keiner sagte etwas und auch Ricky war stumm vor Staunen. Noch nie hatte er gesehen oder auch nur gehört, dass jemand auf dem Wasser laufen konnte. Gut, Schwimmvögel vielleicht, obwohl die auch nicht richtig auf dem Wasser gingen, sondern mehr schwammen, aber ein Mensch!? Stellte man einen Mensch senkrecht auf einen See, ging er unter wie ein Bleiklotz! Aber hier war Jesus und da war Petrus und beide gingen auf dem Wasser.

Doch dann zögerte Petrus. Der Wind machte ihm schwer zu schaffen, zerrte an seinen Kleidern und an seinen Haaren und die Wellen wollten ihn aus dem Gleichgewicht bringen. Er sah vorsichtig nach rechts, dann nach links und dann versank er auf einmal bis zum Bauch im kalten, gurgelnden See. Panik ergriff ihn, und er schrie: „Herr, hilf mir!“ Er hatte noch nicht zu Ende gerufen, da war Jesus bei ihm und packte ihn an der Hand.
„Petrus, du Kleingläubiger, warum hast du gezweifelt? Ich gehe auf dem Wasser, und du selbst gehst auf dem Wasser. Was kann da so ein bisschen Wind ausrichten?“
Petrus tat einen großen Schritt und stand wieder vor Jesus. Hand in Hand kamen sie zum Boot gelaufen, Petrus mit einem Gesichtsausdruck, in dem sich Freude, grenzenloses Vertrauen und leichte Beschämung mischten, und natürlich mit triefenden Schuhen und Kleidern; Jesus mit einem Lächeln und den Fingern fest um Petrus‘ kräftige Hand geschlossen. Die im Boot konnten das alles gut sehen, denn irgendwie war es um Jesus herum heller.

Die beiden kamen beim Boot an und stiegen hinein. Kaum waren sie drin, glätteten sich die Wellen, und der Wind wurde zu einem sanften Säuseln.
„Da, er hat es wieder getan!“, dachte Ricky bei sich und meinte damit, dass Jesus wieder den Sturm gestillt hatte. „Und er kann es sogar ohne Worte!“ fügte er staunend und leise hinzu. Er konnte aber nicht mehr richtig darüber nachdenken, denn die Männer erschreckten ihn zutiefst dadurch, dass sie plötzlich alle auf dem Boden lagen. Ricky dachte zuerst, sie wären tot umgefallen, doch dann hörte er sie sagen: „Du bist wahrhaftig Gottes Sohn!“.
Erleichtert atmete er auf. Sie lebten noch, keiner war tot oder ohnmächtig, sie waren nur voller Ehrfurcht und hatten sich vor Jesus niederfallen lassen. Rickys Herz klopfte noch immer heftig, als er sich ebenfalls auf den Bauch fallen ließ. Dieser Mann war so außergewöhnlich und er war Gottes Sohn. Er schloss die Augen, um sich vorzustellen, was das zu bedeuten hatte, da fühlte er eine Hand auf seinem Kopf. Er sah auf und blickte geradewegs in Jesus Augen. Er sah das Lächeln, das er dort immer sah, und er fühlte sich geborgen und verstanden.

Den Rest der Nacht dachte natürlich keiner mehr ans Schlafen. Sie waren alle aufgekratzt und erzählten und redeten, bis die Sonne aufging. Dann stimmte einer ein Lied an, und sie sangen und lobten Gott, bis sie am Ufer ankamen. Ricky saß neben Jesus und freute sich, dass er sein Freund war und dass er schon wieder so ein tolles Abenteuer erlebt hatte.

  Copyright Simone Ehrhardt