7. Wie Ricky im Baum einen Mann traf

(nach Lukas 19, 1-10)

Es regnete, und zwar regnete es schon seit drei Tagen. Ricky, der Rabe, saß schlecht gelaunt in seinem Olivenbaum und dachte an zuhause. Ja, zuhause in Deutschland, da hatte es auch geregnet, bevor er in Urlaub geflogen war. Deshalb war er doch eigentlich überhaupt erst auf die Idee gekommen, in die Ferien zu fahren. Und nun regnete es auch in Israel. Da hätte er gleich daheim bleiben können.
„He Ricky, wieso schaust du so trübe aus den Federn?“, ertönte von weiter unten eine Stimme. Die Stimme gehörte Salome, der Eidechse, die gerade von einem Familientreffen mit ihrer Eidechsensippschaft zurückkam.
„Na, bei dem Wetter ist das doch wohl verständlich!“, brummte Ricky und fuhr gleich darauf fort: „Wird ja Zeit, dass du auch mal wieder auftauchst. Mich hier so alleine sitzen zu lassen – bei dem Wetter….!“
Salome lachte. „Was bist du doch für ein komischer Vogel. Du hast mich wohl vermisst?“ Und dann krabbelte sie auf den Zweig, der über Ricky hing, schaukelte ein bisschen und ließ einen Tropfenregen auf ihren Freund fallen. Schimpfend rannte er auf seinem Ast ganz nach außen, aber da saß er im richtigen Regen, also kam er wieder zurück. Er warf Salome einen seiner finstersten Blicke zu und zog den Kopf zwischen die Schultern, um sich in ein beleidigtes Schweigen zu hüllen.

„Warum machen wir nicht einen kleinen Ausflug?“,l fragte Salome eine halbe Minute später. Ricky antwortete nicht, denn er war ja beleidigt.
„Ich weiß zufällig …“, hier machte die Eidechse eine kleine Pause, „… dass Jesus …“. Hier machte sie noch eine Pause, und tatsächlich konnte man richtig sehen, wie Ricky nun doch die Ohren spitzte.
„…heute nach Jericho kommt. Und in Jericho ist das Wetter sicher besser als hier.“
„Jericho? Wo ist das denn?“, fragte Ricky interessiert. Er war einfach zu vergesslich. Nicht mal fünf Minuten konnte er sich merken, dass er beleidigt sein wollte.
„Das ist ein ziemlich weiter Weg, aber wenn du fliegst, wird es bestimmt nicht lange dauern, bis wir dort sind.“
„Wir?“ Ricky runzelte die Stirn.
„Ja. Du kannst mich auf deinem Rücken mitnehmen!“ Salome war richtig aufgeregt, denn sie hatte sich das genau überlegt und freute sich auf den allerersten Flug ihres Lebens. Sie kletterte auf Rickys Rücken, klammerte sich mit den Armen an seinem Hals fest und sagte: „Los!“
Ricky fand das reichlich ungewohnt, aber was blieb ihm anderes übrig? Er wollte ja auch Jesus sehen und außerdem wäre es schön, wieder mal in der Sonne zu sitzen. Also stieß er sich ab, breitete seine glänzenden, schwarzen Flügel aus und schwang sich in die Luft.

Als sie in Jericho ankamen, war Ricky ganz erschöpft. Sie waren doch recht lange unterwegs gewesen, hatten nicht eine Pause gemacht, und außerdem war Salome mit der Zeit eine Last geworden. Je länger sie auf seinem Rücken saß, um so schwerer schien sie zu werden. Mit einem Ächzen ließ sich Ricky auf einem Baum an einer staubigen Straße nieder. Salome krabbelte von ihm herunter und sah sich um.
„Schau nur, die vielen Leute! Wir müssen genau in der Straße sein, wo Jesus entlang kommen wird. Das hast du gut gemacht!“
Ricky hing kraftlos neben ihr und atmete schwer.
„Ich habe Hunger“, sagte er mühsam und gönnte den Menschen unter ihnen keinen Blick. Salome deutete auf ein paar Beeren, die direkt neben seinem Kopf hingen und erklärte ihm, dass sie essbar und außerdem sehr wohlschmeckend seien. Ricky fraß alle, die er in seiner Nähe finden konnte, dann war er halbwegs satt und konnte sich anderen Dingen zuwenden. Zuerst sah er nach dem Wetter.
„Ah, Sonne!“, entfuhr es ihm und er grinste durch die Zweige hinauf zu dem strahlenden weißen Ball am Himmel. Als nächstes sah er nach unten. Salome hatte recht, da waren wirklich viele Leute. Entlang der Straße standen sie auf beiden Seiten und es war ein großes Gedränge, weil jeder nach vorn wollte, um besser sehen zu können.
„Das ist ja wie bei einem Karnevalsumzug“, murmelte Ricky vor sich hin.
„Ein was?“, fragte Salome.
„Ach, das ist so ein Brauch in Deutschland“, erklärte Ricky ziemlich ungenau. Gerade war nämlich seine Aufmerksamkeit auf einen bestimmten Mann gelenkt worden.

Dieser Mann näherte sich langsam dem Baum, auf dem sie saßen. Er hatte teure Kleider an und sah aus, als sei er gerade beim Friseur gewesen. Seine Haare und sein Bart waren modisch geschnitten und gestylt, er trug auffällig viel Goldschmuck, eine Halskette, Ringe, Ohrringe (Ricky kratzte sich am Kopf – ein Mann mit dicken, goldenen Ohrringen?), und er hatte ordentlich gepflegte Hände mit schönen Fingernägeln, unter denen kein Dreck saß.
„Er geht sicher zur Maniküre“, warf Salome ein und daran erkannte Ricky, dass er wohl laut gedacht hatte. Dieser Mann versuchte verzweifelt, sich an den anderen vorbei nach vorn zu drängen, aber keiner wollte ihn durchlassen. Wo er hinging, erntete er nur wütende Blicke und böse Worte. Es sah so aus, als ob ihn keiner leiden könnte, was Ricky sonderbar vorkam, denn eigentlich sah er gut aus und hatte ein angenehmes Gesicht. Das besondere Problem dieses Mannes war jedoch, dass er ziemlich klein war, kleiner als die meisten anderen Männer, und deshalb konnte er von hinten überhaupt nichts sehen außer die Schultern und Köpfe der Menschen vor ihm. Seufzend gab er schließlich seine Versuche auf.

„Da, da kommt Jesus!“, rief Salome plötzlich und winkte in Richtung Ortseingang, wo eben ein großes Getümmel entstand. Auch unten hatten die Leute bemerkt, dass nun der Mann kam, auf den sie alle warteten, und sie fingen an zu rufen und zu winken. Ein Lärm war das, dass Ricky sich am liebsten die Ohren zugehalten hätte. Er sah noch einmal hinunter zu dem kleinen Mann in den teuren Kleidern, der jetzt ziemlich verzweifelt hin und her lief und nicht wusste, was er tun sollte. Doch dann hatte er eine Idee und kam zum Baum gelaufen. Ja, das würde gehen, der Baum hatte unten genug Äste, so dass er es schaffen könnte, hinaufzuklettern. Unverzüglich machte er sich daran, und schneller, als Ricky Salome auf die Schulter tippen und sich ihr in dem Gejubel verständlich machen konnte, saß der Mann direkt neben ihm. Eigentlich hätte Ricky wegfliegen müssen, denn freilebende Vögel sind immer auf der Hut, wenn größere Lebewesen ihnen auf die Pelle rücken, aber diesmal machte er eine Ausnahme. Er sah den Mann an und der Mann sah ihn an. Sie lächelten sich zu und waren sich einig, dass sie heute beide Platz in dem Baum hätten. Salome bekam das alles gar nicht richtig mit, weil sie so gebannt zu dem Geschehen nach unten schaute.

Jesus kam die Straße herauf, und die Menschen riefen ihm zu, sangen und wollten ihn anfassen. Es war ein unglaubliches Spektakel. Er hatte auf dem Weg zur Stadt einen Blinden geheilt und nun wollten alle etwas von diesem Mann, der Wunder tun konnte, abbekommen. Viele lobten Gott für das, was er durch Jesus tat, aber viele wollten ihm einfach nur die Hand schütteln. Jesus war vollauf beschäftigt, war umringt von Kindern, Frauen und Männern, redete, ging hin und her und berührte Köpfe, Hände, Schultern. Er hatte überhaupt keine Gelegenheit, auch nur einen Moment zu bemerken, dass Ricky und Salome eigens gekommen waren, um ihn zu sehen.

Ein bißchen traurig sahen die beiden zu, wie Jesus schon unter ihrem Baum war und weiterging, ohne einmal nach oben geblickt zu haben. Der Mann neben ihnen allerdings war nicht traurig. Er freute sich, dass er es geschafft hatte, Jesus nun doch noch zu sehen, und rutschte aufgeregt auf seinem Platz herum. Wenn er nicht etwas vorsichtiger war, würde er bestimmt hinunterfallen! Doch dann, ohne einen bestimmten Grund und ohne dass jemand etwas gesagt hatte, blieb Jesus stehen. Die Leute unten dachten, er würde mit einem von ihnen reden wollen und wurden schlagartig still, damit sie auch nur kein Wort verpassen würden. Jesus drehte sich ein bisschen, wandte den Kopf nach oben und sah in den Baum hinein. Nun waren es Salome und Ricky, die sich freuten und herumhüpften, während der Mann neben ihnen auf einmal einen dicken Kloß im Hals hatte und förmlich erstarrte. Der Mann hatte nämlich ein ganz schlechtes Gewissen, weil er den Leuten unerlaubt Geld abnahm (deshalb war er auch so reich), und Jesus hatte etwas an sich, was einen sofort an all die Dinge erinnerte, die man besser nicht getan hätte.

Es war also mucksmäuschenstill, und Jesus sah hinauf in den Baum, und wie das so ist, wenn einer dasteht und nach oben schaut, schauten alle anderen nun auch hinauf, weil sie wissen wollten, was es da zu sehen gab. Ricky und Salome wurde mulmig, denn sie dachten schon, dass das alles ihnen galt, aber der Mann neben ihnen wurde zutiefst verlegen und ganz rot im Gesicht.
Und dann sagte Jesus in die Stille hinein: „Zachäus, komm runter vom Baum, denn ich bin extra gekommen, um mit dir zu Abend zu essen.“ Und dann lächelte er, wie nur er lächeln konnte, zwinkerte seinen beiden Freunden zu und winkte dem Mann neben ihnen, dass er sich beeilen sollte. Zachäus entfuhr ein kleiner Freudenjauchzer (und ein Erleichterungsseufzen, weil Jesus ganz entgegen seinen Befürchtungen nicht erwähnt hatte, welch üble Dinge er schon getan hatte), und so schnell er konnte, kletterte er hinunter. Die anderen Leute begannen allerdings, sich zu beschweren und zu beklagen, dass Jesus mit diesem Gauner essen wollte, aber die angesehenen Bürger der Stadt einfach links liegen ließ. Doch Jesus war das egal. Er legte Zachäus die Hand auf die Schulter und ging mit ihm davon. Einmal noch drehte er sich um und gab Ricky und Salome ein Zeichen, dass sie mitkommen sollten.

Später am Abend, als alle satt waren und gemütlich beieinander saßen (da waren: Jesus und Zachäus, Zachäus‘ Familie und ein paar seiner Freunde – er hatte ja nicht viele Freunde – und natürlich Salome und Ricky in einem Busch draußen vorm Fenster), da erhob sich Zachäus, ging zu Jesus, stellte sich mit ernster Miene vor ihm auf und sagte: „Herr Jesus, ich werde die Hälfte von meinem Besitz den Armen geben, und wen ich betrogen habe, dem gebe ich es vierfach zurück.“ Und Jesus freute sich sehr darüber, denn es zeigte ihm, dass Zachäus nun wusste, dass er falsche Dinge getan hatte und dass er sie von nun an richtig machen wollte. So war das eben, wenn man mit Jesus zusammen war: Man konnte einfach nicht mehr so weiterleben wie vorher. Zachäus war überglücklich, dass er nun all die alten Fehler los war, und es wurde noch ein richtig gutes Fest.

 Copyright Simone Ehrhardt