6. Wie Ricky ein ganzes Taschentuch vollheulte

(nach Lukas 15, 11-24)

Ricky fühlte sich gar nicht gut. Er hatte zu lange geschlafen und nun wurde er langsam wach und fühlte sich richtig mies. Die Sonne war schon längst aufgegangen und schien ihm mit aller Kraft auf die Federn. Und als er endlich und mit viel Mühe beide Augen aufgemacht und den Kopf unter dem linken Flügel hervorgeholt hatte, da merkte er, dass er Bauchweh hatte.
„Oh, wie geht es mir schlecht“, jammerte er, denn – unter uns gesagt – Ricky hatte es ganz gern, dass alle Leute Bescheid wussten, wenn es ihm nicht gut ging. Er wollte so viel wie möglich bedauert werden und deshalb übertrieb er schon mal ein wenig. So auch an diesem Morgen. Doch nein, es war ja schon Vormittag!
„Oh je“, fuhr Ricky fort, „oh weh, was mach ich nur? Woher kommt das, wie kriege ich es los?“ Das und Ähnliches wiederholte er mit viel Ausdauer etwa fünf Minuten lang, dann wurde es Salome zu bunt.
„Was hast du denn nun eigentlich?“, fragte die kleine Eidechse kaum hörbar, denn sie war ja erkältet. Sie saß in ihren roten Schal gehüllt in der Sonne und hatte klitzekleine Schweißperlen auf der Stirn. Wenn Eidechsen Fieber bekommen können, dann hatte sie bestimmt welches. Und außerdem war es in der Sonne wirklich mächtig heiß an diesem Tag. Das merkte auch Ricky und deshalb schleppte er sich ächzend und stöhnend auf seinem Ast ein Stückchen zum Stamm hin, wo es schattig war.
„Ich habe solche Bauchschmerzen“, klagte er dann dramatisch und presste sich zum Beweis beide Flügel auf den Bauch.

 „Ich kann mir schon denken, woher du die hast“, antwortete Salome und hustete ein kleines Hüstchen. Ricky warf ihr einen verwunderten Blick zu.
„Ach ja, woher denn?“, fragte er.
„So viel, wie du gestern gegessen hast, ist es kein Wunder, würde ich sagen.“
Nun ja, das konnte natürlich stimmen. Am Tag vorher waren sie mit Rebekka auf dem Berg gewesen, wo Jesus die vielen Brote und Fische verteilt hatte, und wo sich Ricky begeistert vollgestopft hatte. Es war aber auch wirklich soooo lecker gewesen! Aber was nützte ihm das jetzt? Nun musste er dafür büßen, dass er es übertrieben hatte.
„Nie wieder werde ich soviel essen“, versprach er sich und Salome feierlich. Dann sagte er wieder: „Oh, diese fürchterlichen Schmerzen! Andere könnten sich bestimmt nicht auf den Beinen halten, wenn sie solche Schmerzen hätten!“
Und da Salome nicht nur eine kluge, sondern auch eine gutmütige Eidechse war, machte sie ihm einen Kamillentee, und für sich selbst gleich eine heiße Milch mit Honig gegen die Halsschmerzen. So saßen sie einmütig in ihrem Olivenbaum, und jeder schlürfte an seinem Getränk.
„Weißt du, was ich jetzt brauchen könnte?“, fragte Ricky nach einer Weile.
„Was denn?“, wollte Salome wissen.
„Eine gute Geschichte.“

Er hatte den Satz kaum zu Ende gesprochen, da erschien ganz in ihrer Nähe eine Staubwolke. Genauer gesagt, sie kam aus dem Stadttor heraus und steuerte direkt auf sie zu. Als die Wolke näher kam, konnten sie erkennen, dass Jesus darin war. Er hatte ein paar Freunde dabei und hielt Rebekka an der Hand, die ihn hinter sich her zog, weil sie nicht schnell genug zu dem Olivenbaum kommen konnte.
„Salome, Ricky“, rief sie schon von Weitem, „ich konnte Jesus dazu überreden, uns eine Geschichte zu erzählen.“
„Hast du das gehört?“, plapperte Ricky daraufhin aufgeregt zu Salome. „Das ist doch unglaublich! Eben noch gewünscht und schon wird es wahr! Ach, was habe ich für Freunde!“ Und er war so gerührt, dass er sich schnell eine oder zwei Tränen wegwischen musste. Als alle beim Baum angekommen waren, streckte Jesus einen Arm aus (er musste sich sogar auf die Zehenspitzen stellen) und streichelte Ricky und Salome über den Kopf. Dabei lächelte er sie ganz besonders nett an. Dann setzte er sich hin und als es sich alle bequem gemacht hatten, fing er an zu erzählen.

„Es war einmal ein Mann, der hatte zwei Söhne, einen älteren, der sehr vernünftig war, und einen jüngeren, der ziemlich unternehmungslustig war. Eines Tages sagte der jüngere Sohn – er hieß Micha – zu seinem Vater: ‚Gib mir mein Erbe schon jetzt.‘ Und der Vater, der seine beiden Söhne sehr lieb hatte, widersprach ihm nicht, sondern gab Micha das, was er wollte. Das wunderte Micha zwar, aber er packte seinen Rucksack und machte sich auf den Weg. Er wollte weg von dem Bauernhof, wo sie lebten, und in die große Stadt ziehen. Dort wollte er das richtige Leben kennenlernen, weil es ihm zuhause viel zu langweilig war. Aber er hatte nicht bedacht, dass das Leben in der Stadt sehr teuer ist, vor allem, wenn man kein Geld verdient. Und so lebte er eine Weile sehr gut, kaufte schöne Kleider, aß teure Delikatessen, ging oft ins Kino und ins Theater, besuchte Pferderennen, wo er viel Geld verwettete, spielte Roulette und Poker und wohnte in einer vornehmen Villa. Außerdem hatte er schnell viele Freunde, die ihm halfen, das Geld auszugeben. Doch eines Tages war das Geld aufgebraucht, und da musste er aus der Villa ausziehen und wusste nicht, was er tun sollte. Er konnte sich nicht einmal mehr ein trockenes Brötchen kaufen. Seine Freunde taten so, als würden sie ihn nicht kennen, und so stand er ganz allein mitten in der Stadt und war unglücklich.“

An dieser Stelle putzte sich Ricky ziemlich laut die Nase. Jesus ließ sich davon nicht aus dem Konzept bringen und fuhr fort.
„Das Einzige, was Micha einfiel, war, zu einem Mann zu gehen, den er kennengelernt hatte, und von dem er wusste, dass er außerhalb der Stadt einen Bauernhof hatte, wo er Schweine züchtete. Vielleicht würde der ihm Arbeit geben. Er ging also hin und bettelte den Mann so lange an, bis dieser ihn aufs Feld schickte, wo er die Schweine hüten sollte. Das war die allerschlimmste Arbeit, die sich Micha vorstellen konnte, aber er tat sie, und weil er sonst nichts zu essen hatte, nahm er sich heimlich etwas von dem Futter der Schweine aus dem Trog und aß es. Es fiel ihm schwer, sich einzugestehen, dass er einen Fehler gemacht hatte, und dass er besser bei seinem Vater und seinem Bruder Thomas zuhause geblieben wäre.“
Ricky hatte nun soviel Mitleid mit dem armen Micha, dass er sich von Rebekka ein größeres Taschentuch leihen musste. Er putzte sich die Nase und wischte sich die Augen und schüttelte den Kopf.
„Der arme, dumme Junge! Wie kann er nur sowas machen“, sagte er fassungslos.
„Er könnte ja nach Hause gehen“, warf Salome ein.
„Ach ja, dazu wird er zu stolz sein, oder?“, überlegte Ricky.
„Wir werden sehen“, sagte die Eidechse, „vielleicht ist er ja doch nicht so dumm.“

„Als die Tage vergingen, musste Micha immer mehr an zuhause denken und wie gut es ihm und allen Angestellten seines Vaters gegangen war. Und schließlich hatte er genug von den Schweinen. Er beschloss, über seinen Schatten zu springen, zu seinem Vater zu gehen und zuzugeben, dass er einen Fehler gemacht hatte. Wenn sein Vater sah, dass er einsichtig geworden war, würde er ihm vielleicht sogar eine Stelle als Knecht geben. So machte er sich auf den Weg. Erst ging er schnell, aber je näher er zum väterlichen Hof kam, um so langsamer wurde er. Er sah so mitgenommen aus, abgemagert, verdreckt, stinkend und nur mit Fetzen bekleidet, dass er Angst hatte, so vor seinem Vater zu erscheinen.

Der Vater war unterdessen zuhause und sah immer wieder von seiner Arbeit auf, ob er nicht unerwartet Micha entdecken würde. Er vermisste ihn ganz schrecklich und hoffte von Herzen, dass sein jüngster Sohn wieder nach Hause kommen würde. Schon viele, viele Tage hatte er immer und immer wieder dafür gebetet und darauf gehofft. Und dann, plötzlich, wurde sein Gebet erhört, und er sah eine Gestalt über den Hügel kommen. Obwohl diese Person überhaupt nicht wie Micha aussah, wusste der Vater sofort, dass er es war. Voller Freude lief er ihm entgegen, umarmte und küsste ihn und ließ sich dabei von all dem Schmutz und dem Gestank überhaupt nicht stören. Micha konnte es gar nicht fassen, dass er so begrüßt wurde. Er sagte zu seinem Vater: „Vater, ich habe einen großen Fehler gemacht, und ich weiß, dass ich es nicht mehr wert bin, dein Sohn zu sein.“ Aber der Vater wollte das gar nicht hören, sondern nahm ihn beim Arm und führte ihn ins Haus, damit er sich waschen und neue Kleider anziehen konnte. Und dann schenkte er ihm einen teuren Ring und ließ eine große Feier veranstalten. Ja, er freute sich wirklich unglaublich, dass sein Sohn wieder nach Hause gekommen war, und alle Fehler waren so verziehen, als hätte Micha sie nie begangen.“

Ricky hatte vor lauter Rührung die ganze Zeit leise in sein Taschentuch geschnieft. Nun war es so nass, dass er es über einen Zweig hängen musste, damit es trocknen konnte.
„Siehst du“, sagte Salome mit einem leisen Triumph in der Stimme, „er ist doch nach Hause gegangen.“
„Ja“, antwortete Ricky verschnupft, weil man vom Weinen eine verstopfte Nase bekommt, „und der Vater war so lieb zu ihm. Hach!“ seufzte er. Und dann, ganz plötzlich, merkte Ricky, dass er keine Bauchschmerzen mehr hatte, und Salome, dass ihre Erkältung weg war. Also sowas … das musste Jesus gewesen sein, als er ihnen über die Köpfe gestreichelt hatte. Und vor lauter Freude musste sich Ricky doch noch mal schnäuzen.

Copyright Simone Ehrhardt