5. Wie Ricky so viel fraß, dass er fast platzte

(nach Johannes 6, 1-15)

Wieder war ein neuer Tag da, voller Sonnenschein und Faulenzerei. Ricky der Rabe fand seinen Urlaub in Israel ganz hervorragend. Er war nun schon seit mehr als einer Woche hier und genoss jeden Tag, ganz besonders, wenn er daran dachte, dass es zuhause in Deutschland kalt und regnerisch war.
„Was meinst du, sollte ich meinen Freunden mal eine Postkarte schreiben?“, fragte er Salome, seine neue Freundin, die Eidechse. Ricky legte den Kopf schief und sah sie an. „Ach nein, vielleicht doch lieber nicht. Am Ende kommen sie noch alle hierher und dann wäre es vorbei mit der schönen Ruhe.“
„Na, du scheinst ja nette Freunde zu haben“, bemerkte Salome dazu und hüstelte. „Ich glaube, ich habe mich erkältet“, sagte sie dann heiser. Da sie ohnehin meist nur flüsterte und nun auch noch heiser war, musste Ricky sehr genau hinhören, um sie zu verstehen.
„Wie kann man sich in dieser Hitze erkälten?“, fragte er mit lauter Stimme, so dass Salome etwas zusammenzuckte. „Also, schreibe ich nun eine Postkarte oder nicht?“, sprach er dann weiter, aber er redete mehr zu sich selbst als zu der kleinen Eidechse, die damit beschäftigt war, sich einen roten Schal um den schuppigen Hals zu wickeln.

Während sie so zusammen auf dem Olivenbaum saßen und jeder gelegentlich etwas sagte, was den anderen eher nicht interessierte, kam plötzlich Rebekka mit fliegenden Zöpfen angerannt.
„Ricky, Salome, ihr müsst mitkommen!“
Ricky war natürlich sofort begeistert. Eine rennende Rebekka konnte nur bedeuten, dass irgendwo etwas ganz Besonderes los war. Und da wollte er dabei sein.
„Na klar, na klar“, rief er und spreizte die Flügel, um sich zum Start vorzubereiten. „Ich glaube, ich bleibe lieber hier“, murmelte Salome, aber davon wollte Rebekka nichts hören.
„Nein, du musst mitkommen. Du weißt immer soviel, deshalb musst du uns alles erklären!“, redete sie noch ganz atemlos vom Laufen auf die Eidechse ein. Ricky war ein bisschen beleidigt, weil es so klang, als wüsste Salome alles und er nichts, aber als er einen Blick in den Korb warf, den Rebekka dabei hatte, vergaß er das ganz schnell wieder.
„Oh, was hast du denn in deinem Korb?“, krächzte er und flog hinunter, um sich das genauer anzusehen.
„Das sind Brote und Fische für meinen Vater. Nun beeilt euch endlich!“

Salome ließ sich überreden, denn wenn sie es auch nicht zugab, war sie doch ziemlich neugierig. Sie kletterte in den Korb und dann ging es los. Rebekka rannte den ganzen Weg, bis sie am See waren, und Ricky flog über ihnen. Weil er so hoch oben war, konnte er auch als Erster sehen, was am Seeufer los war. Eine riesige Menschenmenge hatte sich dort versammelt. Die Leute saßen oder standen und immer mehr kamen dazugelaufen. Sie sahen alle in dieselbe Richtung und als Ricky auch dorthin schaute, konnte er einen Mann sehen, der auf einem Hügel saß.
„He, da ist ja Jesus!“, rief er hinunter und Rebekka winkte ihm zu.
„Ich weiß! Deshalb habe ich euch ja geholt.“
Um Jesus herum saßen ein paar andere Männer, die sich miteinander unterhielten. Ricky ließ sich in einem tollkühnen Sturzflug fallen, bis er fast mit der Nase auf der Erde gelandet wäre, aber er fing sich geschickt ab und flatterte zu Rebekka, bei der er sich auf die Schulter setzte.
„Das sah aber gefährlich aus“, sagte sie mit aufgerissenen Augen. Ricky grinste sie an. Wenn er ein großes Publikum hatte, konnte er meistens nicht widerstehen, sich ein wenig in Szene zu setzen.

Inzwischen waren sie am Rand der Menschenmenge angelangt und Rebekka blieb stehen.
„Wenn ich nur wüsste, wie ich meinen Vater finden soll. Meine Schwester hat mich mit dem Abendbrot zu ihm geschickt, aber hier sind so viele Leute, dass ich gar nichts sehen kann.“
Ricky fürchtete, dass sie gleich anfangen würde zu weinen. Er warf Salome einen Blick zu, die schweigend in ihren roten Schal gehüllt im Korb saß und ziemlich seekrank aussah. Was kein Wunder war, denn Rebekka schaukelte den Korb die ganze Zeit hin und her.
„Pass auf“, sagte Ricky dann. „Ihr bleibt einfach hier und setzt euch hin, während ich mal eine Runde fliege. Vielleicht kann ich ihn ja aus der Luft sehen.“
Rebekka nickte und stellte erleichtert den Korb ab. Ricky flog los. Er drehte Runde um Runde, aber weit und breit war kein bekanntes Gesicht zu sehen. Schließlich aber doch, als er gerade umkehren wollte, sah er den Vater am Boden sitzen, ziemlich weit vorne, in der Nähe von Jesus. Er flog zurück zu Rebekka und zeigte ihr die Richtung. Damit sie es besser finden konnte, wollte er vorausfliegen.

Rebekka bahnte sich mühsam einen Weg durch all die Menschen und folgte Ricky immer weiter den Hügel hinauf. In der Nähe ihres Vaters setzte sich Ricky in einen Baum, winkte ihr nochmal zu und sah dann zu Jesus hinunter. Jesus sah zu ihm hin, lächelte ihm kurz zu und ließ dann seine Augen über die Menschenmenge schweifen. Es waren unglaublich viele Leute, die da versammelt waren, das sahen nun auch Jesus und die Männer, die bei ihm waren.
„Was sollen wir nur mit all den Leuten machen, Philippus? Wo sollen wir Brot für so viele kaufen?“, wandte sich Jesus an einen seiner Freunde, der ein ganz ratloses Gesicht machte.
Philippus zuckte mit den Schultern und antwortete: „Selbst wenn wir für tausend Euro Brot kaufen würden, würden nicht alle satt werden. Und wir haben noch nicht mal tausend Euro.“
In diesem Moment kam ein anderer Mann zu den beiden und an seiner Hand hielt er – Rebekka.
„Huch“, sagte Ricky zu sich selbst, „was macht denn Rebekka da?“
„Hier, schaut mal“, sagte der Mann zu Jesus und Philippus. „Ich habe ein Kind gefunden, das etwas zu essen dabei hat. Es sind fünf Brote und zwei Fische. Allerdings – genug ist das nicht, bei so vielen Leuten …“ Und dabei schaute er zweifelnd erst in den Korb und dann auf Rebekka. Rebekka knabberte verlegen an einem Zopfende und sagte gar nichts. Aber Ricky ärgerte sich.
„Was soll das denn heißen? Wollen sie Rebekka etwa das Essen wegnehmen? Das können sie nicht!“ schimpfte er. Da zwinkerte Jesus ihm zu und Ricky verstummte augenblicklich.
‚Aha‘, dachte er, ‚Jesus hat wohl einen geheimen Plan‘.

Jesus bat seine Freunde, den Leuten zu sagen, dass sie sich hinsetzen sollten, was sie auch taten. Allmählich kam Ruhe in die Menge. Ein Mann kam zu Jesus und sagte, dass es etwa fünftausend Menschen wären, die da zusammen waren, und er warf einen fragenden Blick auf die fünf Brote und die zwei Fische und murmelte etwas vor sich hin. Auch Ricky fragte sich, wie Jesus wohl das Abendessen von Rebekkas Vater unter so vielen Leuten verteilen wollte. Da würde doch jeder nur einen winzigen Krümel bekommen, oder? Gespannt beugte er sich vor, um besser sehen zu können.

Jesus sprach laut ein Tischgebet. Dann griff er in den Korb und nahm ein Brot heraus. Das gab er weiter, dann nahm er ein anderes Brot heraus und gab auch das weiter. Das machte er wieder und wieder, bis Ricky schließlich nicht mehr mitzählen konnte. Aber mit Sicherheit hatte Jesus schon mehr als fünf Brote aus dem Korb geholt. Und er holte immer noch mehr aus dem Korb und nicht nur Brote, nein, auch Fische. Frische Fische, leckere Fische, toll gewürzte Fische und dazu frische, knusprige Brote. Alles wurde weitergereicht, was ziemlich lange dauerte, aber am Ende hatte jeder, der da war, Brote und Fische in Hülle und Fülle. Alle waren sehr erstaunt, wo das gute Essen herkam, aber das minderte nicht ihren Appetit und alle langten kräftig zu. Ricky flog hinunter zu Rebekka und bekam sein eigenes Brot und seinen eigenen Fisch. Er fraß und fraß, weil es ganz großartig schmeckte, und er fraß auch noch, als er eigentlich schon satt war, aber dann musste er aufhören, sonst wäre er geplatzt.

Als die Sonne unterging, hatten alle fertig gegessen. Jesus sagte zu seinen Freunden, sie sollten das, was übrig geblieben war, einsammeln, damit man es mitnehmen konnte. Die Männer suchten sich ein paar leere Körbe und marschierten los. Als sie wieder zurück zu Jesus kamen, hatten sie zwölf große Körbe bis über den Rand mit Broten und Fischen gefüllt, die zu viel waren. Sie lachten und sahen immer wieder zu Jesus hin, der dieses Wunder möglich gemacht hatte. Jesus lachte auch und winkte Rebekka, Salome und Ricky noch einmal zu, ehe er mit seinen Freunden davonging. Ricky war so vollgefressen, dass er sich in Rebekkas Korb nach Hause tragen lassen musste. Dort saß er neben Salome, die immer noch den roten Schal um den Hals hatte und kaum noch einen Ton sagen konnte, weil sie so heiser war. Und als nach ein paar Schritten Rebekkas Vater sich seine kleine Tochter auf die Schultern setzte und den Korb selbst in die Hand nahm, schaukelte es auch auf dem Heimweg nicht mehr so arg, und keiner wurde seekrank.

Copyright Simone Ehrhardt