4. Wie Ricky die Geschichte vom verlorenen Schaf hörte

(nach Lukas 15, 1-7)

Obwohl es schon spät am Tag war, war es noch wunderbar warm. Die Sonne stand tief und rot über den Bergen und würde gleich ganz untergehen, die Grillen zirpten, und Ricky, der Rabe, saß in seinem Olivenbaum und überlegte. Da saß er doch tatsächlich die ganze Zeit mit dieser merkwürdigen kleinen Eidechse im selben Baum und konnte sich nicht erinnern, ob er ihren Namen wusste.
„Ich habe sie gefragt, wie sie heißt, aber sie hat es mir nicht gesagt!“, murmelte er zu sich selbst. Doch dann wurde er unsicher. „Nein, ich habe vergessen, sie zu fragen.“ Nervös wackelte er von einem Bein auf das andere, hin und her, hin und her. „Oder sie hat mir ihren Namen gesagt und ich habe ihn mir nicht merken können.“ Dann machte er einen kleinen Sprung in die Höhe. „Ich hab’s! Ich habe sie gefragt, aber sie hat beim Antworten so leise geredet, dass ich nichts verstanden habe! Sie flüstert ja meistens nur. Wie soll man da auch was hören!?“ Und er gratulierte sich selbst, dass es nicht seine Schuld war, dass er den Namen der Eidechse nicht kannte.

„Was hast du nicht gehört?“, zischte ihm da eine Stimme ins Ohr und Ricky erschreckte sich ganz fürchterlich.
„Musst du dich immer so anschleichen?“ meckerte er los, um davon abzulenken, dass er einen ganz roten Kopf bekam. Den bekam er, weil er ein schlechtes Gewissen hatte, denn es stimmte gar nicht, dass er die Eidechse nach ihrem Namen gefragt hatte. Die Eidechse betrachtete ihn nachdenklich, während sie über seinem Kopf an einem Ast saß – an der Unterseite natürlich. Und was besonders toll war: Sie konnte die Augen in jede Richtung drehen, sodass sie fast einen Rundumblick hatte.
„Du hast mich nicht gefragt, wie ich heiße“, sagte sie dann zu Ricky.
„Oooh, du hast mich belauscht!“, schimpfte der Rabe, „das ist ja richtig hinterhältig!“
„Du hast so laut geredet“, entgegnete sie, aber weil sie eine kluge Eidechse war, wollte sie nicht mit ihm streiten. Deshalb sagte sie: „Ich heiße Salome. Und Du?“
„Ricky“, sagte Ricky und fühlte sich ein wenig grummelig, weil er eigentlich auch nicht streiten wollte und sich über sich selbst ärgerte.

Doch seine schlechte Laune vergaß er gleich wieder, denn da kamen Leute durch das Stadttor heraus und steuerten geradewegs auf ihren Baum zu. Sie hatten Fackeln dabei, denn es würde gleich dunkel werden, außerdem Decken und Kissen.
„Wer kommt denn da?“, schnatterte Ricky aufgeregt zu Salome. Salome machte einen langen Hals und versuchte, etwas zu erkennen, was in der Dämmerung nicht so leicht war.
„Das ist Jesus, glaube ich, und noch ein paar andere Leute.“
„Kommen sie zu uns? Ja? Kommen sie hierher? Wird er wieder eine Geschichte erzählen?“, rief Ricky aufgeregt und rannte auf dem Ast vor und zurück. Salome schloß die Augen und seufzte.
„Woher soll ich denn das wissen?,“ flüsterte sie.
„Na, du wohnst doch hier!“, sagte Ricky, aber Salome brauchte gar nicht mehr zu antworten, denn Jesus und die anderen waren schon am Olivenbaum angekommen und fingen an, die Decken und Kissen auf dem Boden auszubreiten. Dann setzten sie sich alle hin und Jesus nahm wieder seinen Platz am Stamm ein, wo er ein Kissen zurechtrückte und sich zurücklehnte. Er sah nach oben und zwinkerte Ricky und Salome einmal kurz zu. Dabei lächelte er sehr freundlich und Ricky wurde es ganz warm ums Herz. Was für ein netter Mensch! Leider war Rebekka nicht dabei. Vermutlich war sie schon im Bett, denn sie war ja noch ein kleines Mädchen und durfte sicher abends nicht so lange aufbleiben.

Jesus hob eine Hand, um anzudeuten, dass er etwas sagen wollte. Die Männer und Frauen um ihn herum wurden still und sahen ihn an.
„Ich erzähle euch die Geschichte von …“
Rickys Herz machte einen kleinen Sprung. Eine Geschichte! Er konnte sein Glück kaum fassen.
„…von dem verlorenen Schaf.“ Ricky machte die Augen zu und stellte sich ein Schaf vor. Ein kleines Schaf, das fröhlich auf einer Wiese stand und Gras fraß. Es machte sogar „mäh“. Die Leute lachten und Ricky riss verwirrt die Augen wieder auf. War seine Vorstellung von einem Schaf eben so deutlich gewesen, dass die anderen es auch gehört hatten? War das möglich? Da hörte er wieder ein kleines „mäh“ und sah schnell nach unten. Tatsächlich, da war ein richtiges Schäfchen und brachte alle zum Lachen. Jesus nickte dem Mann zu, der das Lamm mitgebracht hatte.

„Ja, viele von euch haben selbst Schafe und werden die Geschichte besonders gut verstehen können. Es war ein Mann, der lebte hier in dieser Gegend und er besaß Schafe. Hundert Stück und er hatte sie alle gern und kannte sie alle mit Namen. Eines Tages ging er mit den hundert Schafen hinaus, um Gras zum Fressen zu suchen. Ihr wißt ja, der Boden hier ist trocken und manchmal muss man weit gehen, um etwas Grünes zu finden.“ Wieder nickten viele, wie schon vorher, als Jesus gesagt hatte, dass viele selbst Schafe hatten. Genauso wussten sie auch, dass es oft sehr lange nicht regnete und es dann schwierig war, die Schafe zu füttern. Manchmal waren sie dann den ganzen Tag unterwegs, um verborgene grüne Stellen zu finden.

„Als der Mann schon lange mit seiner Herde über das öde Land gegangen war, fiel ihm auf, dass eines der Schafe fehlte. Er hätte natürlich weitergehen können, denn er hatte ja noch 99 andere Schafe. Aber er wusste auch, dass das verloren gegangene Schaf ganz allein in der Wüste umherirrte und nicht wusste, wo es war. Dieses Schaf – das übrigens auf den Namen Tobi hörte – hatte sicher Angst und rief schon verzweifelt nach ihm. Tobi würde sterben müssen, wenn er ihn nicht holte, denn er würde kein Futter und kein Wasser finden. Und dann wusste der Mann natürlich, dass er Tobi ganz schrecklich vermissen würde, denn er hatte ja alle seine Schafe gern und jedes hatte seine eigene Persönlichkeit und wenn eines fehlte – nun, dann wäre das sehr traurig. Also beschloss er, Tobi zu suchen. Er ließ die 99 anderen stehen und marschierte los. Er ging den schmalen Pfad entlang, auf dem sie gekommen waren, umrundete einige kleine Hügel und überquerte einen Bach und als er um die nächste Kurve ging, sah er Tobi. Das Schaf hatte sich hingelegt und ließ den Kopf hängen.
Der Mann rief: „Tobi, hier bin ich!“. Da freute sich das Schaf, stand schnell auf und lief auf ihn zu. Der Mann freute sich mindestens genauso, dass er sein verlorenes Schaf gefunden hatte, hob es hoch, drückte es, legte es sich um die Schultern und machte sich auf den Weg zurück zu den anderen 99. Und als er abends nach Hause kam, erzählte er jedem, den er traf, dass er seinen Tobi wiedergefunden hatte, und alle freuten sich mit ihm, denn sie alle mochten seine Schafe und Tobi besonders.
Und nun sage ich euch, dass im Himmel genauso viel Freude ist über jeden, der von seinem falschen Weg umkehrt und zum Vater kommt. Wenn einer von euch sich verirrt hat und alleine nicht mehr weiter weiß, dann werde ich kommen und ihn suchen und ihn zurückbringen zum Vater. Alles, was ihr tun müsst, ist, meinen Namen zu rufen. Ich möchte nicht, dass einer von euch verloren geht. Das würde mich sehr traurig machen.“

Jesus war mit seiner Geschichte zu Ende und lächelte seine Zuhörer an. Keiner wagte, etwas zu sagen. Sie wussten, was er mit den Schafen meinte, aber was war das mit dem Vater?
„Wer ist denn der Vater?,“ flüsterte nun auch Ricky Salome zu.
„Nun, der Vater, das ist Gott“, antwortete ihm die Eidechse. Verblüfft starrte der Rabe sie an.
„Gott? Wieso denn das?“
„Nun, man sagt, dass Jesus der Sohn von Gott ist.“
„Der Sohn von Gott? Du meinst, von dem Gott, der die Erde und alles erschaffen hat? Der macht, dass es regnet und schneit und jedes Jahr wieder Frühling wird?“
Salome nickte.
„Hui“, machte Ricky beeindruckt. „Kein Wunder, dass Jesus so nett ist und die Tiersprache versteht!“ Doch dann fiel ihm etwas ein. „Und wieso sind die Menschen dann nicht begeistert davon, dass er hier bei ihnen ist und ihnen Geschichten erzählt? Und so tolle Sachen macht wie Stürme beruhigen?“, fügte er schnell hinzu, weil er an sein Erlebnis auf dem See dachte.
Salome zuckte mit den Schultern. „Ich weiß es nicht genau. Ich glaube, sie können sich nicht daran gewöhnen, dass Gott ein Vater für sie sein will. Sie wollen keinen Papa, der sie lieb hat, sondern lieber einen Gott, der ihnen nicht zu nahe kommt. Und sie können sich nicht vorstellen, dass Jesus wirklich sein Sohn ist.“
Ricky schüttelte langsam und nachdenklich den Kopf. Er dachte daran, wie Jesus auf dem Boot gestanden und mit zwei Worten das ganze Durcheinander zur Ruhe gebracht hatte. Und daran, dass er ihn bemerkte, ihn anlächelte und ihn verstehen konnte.

„Doch“, sagte er dann langsam aber sicher, „ich glaube, dass er das ist. So jemanden wie ihn habe ich noch nie getroffen.“ Dann hatte er aber doch noch eine Frage. „Glaubst du, dass die Geschichte nur für Schafe und Menschen gilt?“
Salome lächelte. „Nein, sie gilt bestimmt auch für Raben und Eidechsen“, antwortete sie und Ricky tätschelte ihr glücklich die Pfote oder wie immer das bei Eidechsen heißen mochte.

Copyright Simone Ehrhardt