3. Wie Ricky im Sturm über den See fuhr

(nach Matthäus 8, 23-27)

Ricky war nach der langen Reise von Deutschland nach Israel immer noch erschöpft und deshalb verschlief er gleich am nächsten Tag nach seiner Ankunft. In dem Olivenbaum saß es sich sehr gemütlich und bequem, etwas außerhalb der Stadt war es außerdem ruhig und ohne Verkehrslärm, sodass nichts und niemand Ricky aufweckte. Erst als die Sonne schon hoch am Himmel stand, öffnete er träge die Augen, um zu sehen, wo er war. Verschlafen sperrte er den Schnabel auf und gähnte.
„Na, auch schon wach?“, flüsterte ihm eine bekannte Stimme zu.
„Hm?“, machte Ricky dusselig, während er sich unter dem linken Flügel kratzte. Ein Bad wäre jetzt eine schöne Sache!
„Es ist schon fast Mittag“, hörte er die Eidechse flüstern, die noch immer im selben Baum saß wie er.
„Na und?“, entgegnete Ricky. „Ich bin in den Ferien, da kann ich so lange schlafen, wie ich will!“ Er kratzte sich unter dem rechten Flügel. Dann kratzte er sich hinter dem linken Ohr. „Hör mal Eidechse, gibt es hier irgendwo ein Bad?“
„Ein Bad?“ Die Eidechse sah ihn mit weit aufgerissenen Augen an, als wüsste sie gar nicht, was er meinte.
„Ja, ein Bad! Bad, Bad, Bad! Mit Wasser, zum Waschen.“
Die kleine Echse neigte den Kopf leicht zur Seite und schloss dabei die Augenlider, so als dächte sie angestrengt nach.
„Wasser also? Wir haben nur einen See in der Nähe.“
„Na prima, das ist genau das Richtige!“, sagte Ricky und musste noch einmal gähnen.
„Aber das würde ich nicht empfehlen.“
„Und wieso nicht?“
„Es sieht nach Sturm aus.“

Ricky sah in den Himmel hinauf, wo ein paar kleine, weiße Wolken vorüberzogen, aber sonst nichts zu sehen war außer einem hellen, klaren Blau.
„Sturm? Das glaube ich nicht. Es ist doch herrliches Wetter!“
Die Eidechse schwieg und Ricky beschloss, sich einfach auf den Weg zu machen, denn er fühlte sich klebrig und staubig und wollte unbedingt sein schwarzes Federkleid wieder auf Hochglanz polieren.
„Wo ist dieser See?“, fragte er und seine neue Bekannte deutete mit der Zunge in eine Richtung, bevor sie die Augen vollends zumachte und einschlief.
„Ist das eine Schlafmütze,“ murmelte Ricky zu sich selbst. Dann stieß er sich vom Ast ab und flatterte in die angegebene Richtung.

Er musste nicht weit fliegen, bis er den See erkennen konnte. Die Wasserfläche lag ruhig und dunkelblau unter ihm. Elegant segelte er in weiten Kreisen immer weiter hinunter, bis er schließlich auf der Spitze eines Segelmastes landete. Ganz in der Nähe entdeckte er ein paar Männer, die eben dabei waren, ihr Boot ins Wasser zu schieben.
„Hallo“, rief Ricky und winkte. „Hallo, hier!“
Bis auf einen beachtete ihn keiner, aber dieser eine hob die Hand und winkte zurück.
„He“, freute sich der Rabe, „das ist doch Jesus, der gestern die Geschichte erzählt hat! Das ist toll. Da werde ich gleich mal hinfliegen. Vielleicht erzählt er heute wieder eine!“ Mit ein paar Flügelschlägen war er bei dem anderen Boot und setzte sich. Und als die Fahrt über den See losging, waren Ricky und Jesus mit an Bord und genossen den kühlen Wind, der ihnen um die Ohren wehte.

Jesus schien ziemlich müde zu sein, denn sie waren noch nicht lange unterwegs, da legte er sich hin, schob sich eine zusammengerollte Decke unter den Kopf und schlief ein. Ricky schüttelte den Kopf.
„Was ist das nur für ein Land, dass alle so müde sind? Erst die Eidechse und jetzt auch noch Jesus. Alle schlafen sie am hellen Tag einfach ein! Wenn ich das noch länger mit ansehen muss, werde ich bestimmt auch wieder schläfrig.“ Um das zu vermeiden, drehte er sich um, balancierte an der Reling entlang zum Bug des Bootes, wo er den Schnabel in den Wind streckte und nach unten sah, wo die Fische vor ihnen aus dem Wasser sprangen.

Ricky überlegte und überlegte, wie er es anstellen könnte, einen dieser Fische zu fangen, denn er fühlte sich wirklich hungrig. So ein kleiner, frischer Fisch wäre jetzt sehr willkommen! Er war so beschäftigt mit diesen Gedanken, dass er sich fürchterlich erschreckte, als das Boot auf einmal einen Ruck machte und er das Gleichgewicht verlor. Verzweifelt ruderte er mit den Flügeln und versuchte, sich mit den Krallen an der Bootswand festzuhalten, aber es half alles nichts: Mit einem lauten Plumps fiel er ins Wasser. Da, nun hatte er sein Bad! Hustend und schimpfend tauchte er wieder auf.
„Was soll denn das? Wer hat mich ins Wasser geschubst?“, rief er verärgert hinauf. Er starrte nach oben – wobei er fast von dem Boot überfahren wurde – aber er konnte niemanden sehen. Mühsam strampelte er mit den Beinen und platschte mit den Flügeln und endlich schaffte er es, aus dem Wasser zu kommen. Triefend setzte er sich an seinen Platz.
„Ein Glück, dass ich schwimmen kann!“, krächzte er und schüttelte sich, dass die Tropfen in hohem Bogen von ihm wegflogen. Noch immer misstrauisch ließ er den Blick kreisen, um zu sehen, wer von den Männern der Übeltäter sein mochte. Da bemerkte er, dass sich etwas geändert hatte.

Statt des blauen Himmels und der kleinen, weißen Wölkchen türmten sich nun gefährlich aussehende, dunkelgraue Wolkenberge über ihnen auf. Der Wind war viel stärker geworden und heulte in den Ohren. Das Wasser war auch nicht mehr ruhig, sondern warf hohe Wellen, von denen das kleine Fischerboot hin- und hergeschleudert wurde. Die Männer, die sich vorher gemütlich unterhalten hatten, liefen nun aufgeregt umher und wussten kaum, was sie tun sollten. Es sah ganz so aus, als würde die Eidechse recht behalten. Sie kamen mitten in einen dicken Sturm! Ricky hüpfte von der Reling hinunter auf den Boden, denn er wollte nicht noch einmal ins Wasser fallen. Doch auch da fand er keinen rechten Schutz. Der Sturm wurde von Minute zu Minute stärker, das Boot neigte sich bald zu der einen Seite, dann zu der anderen. Die Männer und Ricky versuchten, sich festzuhalten, um nicht hinzufallen, und dann fing es auch noch an zu regnen. Der Regen prasselte von oben auf sie herunter und von allen Seiten schwappten Wellen in das Boot und überschütteten sie so noch zusätzlich mit Wasser. Das war ein Bad, wie es sich Ricky in seinen kühnsten Träumen nicht ausgedacht hätte!

„Tut doch was, tut doch was!“, rief Ricky den Männern zu, die ratlos auf dem schwankenden Boot saßen und ängstlich umhersahen. Er hüpfte zu ihnen hinüber, weil er hören wollte, was sie zu ihren Überlebenschancen zu sagen hätten. Doch bevor er sie erreichte, stolperte er und fiel auf den Hintern.
„Also sowas, nicht schon wieder!“, motzte er, weil er dachte, jemand hätte ihm ein Bein gestellt. Aber dann sah er, dass er über Jesus‘ Hand gestolpert war. Jesus lag friedlich im Boot und schlief.
„Nanu?“, sagte Ricky und kratzte sich verwundert am Kopf. „Wie kann der hier schlafen, während wir praktisch jeden Moment untergehen?“
Die Männer dachten wohl dasselbe, denn sie sahen herüber und zeigten mit den Fingern auf Jesus. Und dann fasste sich einer ein Herz, kam her, rüttelte Jesus und weckte ihn auf.
„Herr, du musst uns helfen! Wir werden sonst sterben!“
Ricky der Rabe fragte sich, was Jesus denn tun sollte, wenn schon die anderen Männer nicht wussten, wie sie sich helfen konnten. Doch Jesus stand auf und bei dem, was er als Nächstes tat, klappten Ricky Augen und Schnabel weit auf vor lauter Überraschung.

Jesus stellte sich ganz vorn im Schiff an den Bug. Er streckte sich ein bisschen und dehnte sich ein wenig. Dann hob er den Kopf, rief „Sei still“ und ging zurück an seinen Platz. Doch noch bevor er sich hingesetzt hatte, war der Sturm vorüber. Der See war vollkommen ruhig und glatt, die Oberfläche sah beinahe aus wie ein Spiegel. Die Wolken trieben auseinander und ließen einen strahlendblauen Himmel zurück. Auf dem Boot standen fassungslos ein paar klitschnasse Männer mit einem ebenso nassen Raben und sahen sich verblüfft an.

Am Abend erzählte Ricky seine Erlebnisse der Eidechse und Rebekka, während sie alle im Olivenbaum saßen und zu Abend aßen. Rebekka hatte von dem köstlichen, selbstgebackenen Brot mitgebracht, außerdem einen Korb mit Ziegenkäse und Früchten, und sie und Ricky ließen es sich schmecken. Die Eidechse bevorzugte zwar die winzigen Insekten, die sie auf dem Baum fand, aber selbst sie knabberte an einem Brotkrümel und einer kleinen Traube.
„Wer hätte das gedacht?“, schloss Ricky eben seinen Bericht. „Ich frage mich, wer dieser Jesus ist, dass er einen Sturm vertreiben kann. Hat man so etwas schon mal gehört?“ Und für ein paar Sekunden vergaß er sogar zu kauen, vor lauter Nachdenken.
„Von Jesus werden öfter solche Sachen erzählt“, flüsterte die Eidechse. „Er kann auch Kranke gesund machen und sogar Tote wieder zum Leben bringen.“
Rebekka stimmte ein kleines Liedchen an und bald fielen auch der Rabe und die Eidechse mit ein. Und während sie zusammen summten, genossen sie den Sonnenuntergang und freuten sich auf die schönen, sturmlosen Tage, die noch vor ihnen lagen.

Copyright Simone Ehrhardt