2. Wie Ricky die Geschichte vom barmherzigen Samariter hörte

(nach Lukas 10,25-37)

„Ich erzähle euch“, sagte Jesus, nachdem er eine Weile nachgedacht hatte, „die Geschichte vom barmherzigen Samariter.“
Ricky, der Rabe setzte sich gemütlich auf seinem Ast zurecht und freute sich. Er hatte gut gegessen, machte Ferien in einem herrlich sonnigen Land, während zuhause das Wetter ganz kalt und nass war, und er war soeben im Begriff, zum Nachtisch eine schöne Geschichte zu hören. Er drehte ein wenig den Kopf, um zu sehen, ob die merkwürdige kleine Eidechse noch da war, mit der er sich vorhin kurz unterhalten hatte. Ja, tatsächlich, da saß sie immer noch an den Baumstamm geklebt in der prallen Sonne und schlief. Gerade wollte er ihr zurufen, dass sie aufwachen solle, damit sie die Geschichte nicht verpasse, da fiel ihm auf einmal ein, dass er gar nicht wusste, was ein barmherziger Samariter überhaupt war. Oh je, was sollte er jetzt tun? Was, wenn er die Geschichte gar nicht verstehen würde? Aber er hätte sich keine Sorgen zu machen brauchen, denn das nette kleine Mädchen, das ihn mit Brot und Früchten gefüttert hatte, streckte den Arm in die Höhe und wedelte damit herum.

„Was gibt es, Rebekka?“, fragte Jesus.
„Was ist denn ein barmherziger Samariter?“, fragte Rebekka und blinzelte Ricky ganz schnell zu, sodass es niemand anderes sehen konnte.
„Huch“, dachte Ricky, „kann Rebekka meine Gedanken lesen?“
Weiter hinten lachten ein paar der großen Jungs, aber das war Rebekka gleichgültig.
„Also, Rebekka, das ist so: Hier in Israel gibt es eine Gegend, die nennt sich Samaria, und die Leute, die dort wohnen, heißen Samariter. Und barmherzig nennt man jemanden, der etwas Gutes für jemand anderen tut.“
Das Mädchen nickte und auch Ricky war beruhigt. Nun konnte die Geschichte losgehen.

„Eines Tages musste ein Mann, der in Jerusalem wohnte, nach Jericho“, fing Jesus an. Ein paar der Zuhörer nickten, denn sie kannten die Straße, die von Jerusalem nach Jericho führte und hatten sie selbst auch schon oft benutzt. Ricky dagegen plapperte aufgeregt vor sich hin.
„Jerusalem? Jericho? Was ist das denn? Das hab ich ja noch nie gehört!“
„Das sind Städte hier in Israel“, hörte er da ein leises Flüstern von unten. Die Eidechse war also doch wach!
„Städte? Na klar, da hätte ich auch selbst drauf kommen können!“, rief Ricky und rieb sich verlegen mit einem Flügel den Schnabel.

Jesus redete weiter. „Der Mann, der von Jerusalem nach Jericho musste, machte sich also früh morgens auf den Weg. Er ging die Straße entlang, es war heiß und staubig und er war lange Zeit der Einzige, der unterwegs war. Erst am Nachmittag kamen ihm ein paar Männer entgegen. Er freute sich, endlich jemanden zu sehen, und nahm sich vor, sie freundlich zu grüßen und zu fragen, ob sie aus Jericho kämen und wie das Wetter dort sei. Aber dann, als er sie erreichte, kam alles ganz anders. Sie überfielen ihn, nahmen ihm alles, was er dabei hatte, weg, sodass ihm kein Geld mehr blieb. Das war ihnen aber noch nicht genug. Sie verprügelten ihn, bis er sich nicht mehr rühren konnte, und zogen ihm die Kleider aus. Dann ließen sie ihn liegen, nackt, verletzt und hilflos, und rannten davon.“

Hier machte Jesus eine Pause, denn er sah, dass die anderen angesichts so viel Gemeinheit fassungslos waren. Hier und da schüttelte jemand traurig den Kopf und die kleine Rebekka kuschelte sich an ihre ältere Schwester.
„Ich hoffe, sie haben die Kerle geschnappt!“, kreischte Ricky im Olivenbaum und tippelte aufgeregt hin und her. „Geschnappt und eingesperrt!“, krächzte er weiter, „Jawohl!“
Jesus warf einen Blick nach oben, um zu sehen, warum der Rabe so einen Lärm machte.
„Krah, krah“, rief Ricky noch einmal, um seiner Entrüstung richtig Ausdruck zu geben.
„Wollt ihr denn wissen, was weiter passiert ist?“, fragte Jesus.
„Ja“, riefen alle, denn natürlich wollten sie wissen, was mit dem armen Mann weiter geschehen würde, der da am Straßenrand lag.
„Es wird euch vielleicht nicht gefallen, was als Nächstes geschah, aber ich erzähle es euch trotzdem.

Der Mann lag also verletzt und ohne Kleider am Straßenrand, wo ihn die Räuber liegengelassen hatten. Es könnte gut sein, dass er sogar bewusstlos war und das Folgende gar nicht mitbekommen hat. Wie ich schon sagte, war nicht viel los an diesem Tag, und so dauerte es eine Weile, bis jemand vorbeiging. Aber dann kam ein Pfarrer, sah den Mann am Boden liegen und – lief schnell weiter.“
„Was?“, rief jemand. „Das gibt es doch gar nicht! Wie kann ein Pfarrer einfach vorbeigehen?“
„Das hat er bestimmt gemacht, weil ihn keiner gesehen hat!“, meinte ein anderer.
Jesus nickte nachdenklich. „Das ist möglich, ja. Weil ihn keiner gesehen hat, dachte er wohl, er müsste sich nicht um den verletzten Mann kümmern.“
„So fies sind aber wirklich nur wenige“, sagte eine Frau, die ein blau-rot-gestreiftes Kleid an hatte, und ein paar andere waren derselben Meinung.
„So, denkt ihr?“, erwiderte Jesus.

„Es verging wieder einige Zeit, bis jemand kam. Diesmal war es ein gelehrter Professor, ein Arzt. Er sah den Mann, ging ein bisschen näher, aber weil es ihm unangenehm war, ging auch er schnell davon und ließ den Verletzten liegen.“
Nun rief niemand mehr dazwischen. Die Leute warfen sich betretene Blicke zu. Ricky konnte sich nun erst recht nicht mehr beruhigen.
„Der arme Mann, der arme Mann“, sagte er eins ums andere Mal, bis die Eidechse schließlich ihre Stimme erhob und genervt seufzte: „Nun warte es doch mal ab, die Geschichte ist ja noch nicht zu Ende!“
„Trotzdem, trotzdem“, beharrte Ricky und weil er seiner Empörung und seinem Mitgefühl irgendwie Luft machen musste, drehte er zwei Runden um den Olivenbaum.

„Inzwischen war es schon fast Abend geworden“, fuhr Jesus zu erzählen fort, „und der Mann lag noch immer am Straßenrand, nackt, verletzt, durstig und nicht in der Lage, sich zu bewegen oder um Hilfe zu rufen. Die Sonne brannte auf ihn nieder, was ihn noch mehr quälte. Da tauchte am Horizont ein Punkt auf. Der Punkt wurde größer und größer und schließlich wurde daraus ein Mann, der einen Esel an einem Strick führte. Er sah den Verletzten, ging zu ihm hin und beschloss, ihm zu helfen. Er kümmerte sich um dessen Wunden, so gut er konnte, desinfizierte und verband sie, zog ihm etwas von seiner eigenen Kleidung an und gab ihm von seinem Wasser zu trinken. Dann nahm er das Gepäck von seinem Esel, band es sich selbst auf den Rücken und hob schließlich den Mann auf das Tier. So machten sie sich auf den Weg. Bald kamen sie zu einem Gasthof, wo der Mann ein Zimmer für den Verletzten nahm; er brachte ihn hinein, legte ihn ins Bett und kümmerte sich die ganze Nacht um ihn. Er wechselte die Verbände, gab ihm Suppe und Wasser zu trinken und sorgte dafür, dass er schlafen konnte. Da er am nächsten Morgen weiter musste, gab er dem Wirt Geld und bat ihn, sich um den Verletzten zu kümmern. Als er sich verabschieden ging, schlug der Verletzte die Augen auf, um zu sehen, wer sich so wunderbar um ihn gekümmert und ihm wahrscheinlich das Leben gerettet hatte. Und er sah einen Samariter vor sich stehen, reichte ihm die Hand und bedankte sich.“

„Nein!“
„Unmöglich!“
„Das gibt es doch nicht!“, riefen alle durcheinander. Ach, war das ein Chaos, das da ausbrach.
„Was ist los, was ist los?“, schnatterte Ricky aufgeregt, denn er hatte keine Ahnung, weshalb die Menschen so überrascht waren. Er dachte, er hätte einen wichtigen Teil der Geschichte verpasst, und fing schon an, sich zu ärgern. „Was ist los? He, warum sagt es mir denn keiner?“ Er kreischte so laut, dass er alle anderen Stimmen übertönte. Es war ein riesiges Krakeelen, sodass sich die Eidechse die Ohren zuhielt, Rebekka verwundert um sich schaute und gar nichts sagte und Jesus ein bisschen lachen musste.

Es dauerte ein paar Minuten, bis sich alle wieder einigermaßen beruhigt hatten. Ricky saß auf seinem Ast und war beleidigt. Keiner wollte ihm sagen, um was es ging und wieso sich alle so aufgeregt hatten.
„Das ist gemein!“, maulte er.
„Das ist doch ganz einfach“, flüsterte da eine Stimme neben seinem Ohr. Die Eidechse hatte sich unbemerkt neben ihn geschlichen und grinste ihn frech an.
„Ach ja?“, brummte Ricky. „Dann erklär es mir doch, wenn es so einfach ist.“

„Die Leute von Samarien sind in Israel nicht gerade beliebt, deshalb werden sie oft schlecht behandelt und beschimpft und keiner kann sie leiden.“
„Aber warum denn das?“, fragte Ricky, der nicht verstehen konnte, warum jemand sich so verhalten sollte.
„Keine Ahnung, warum. Vielleicht weil sie anders aussehen, andere Kleidung tragen, andere Traditionen haben, wer weiß? Jedenfalls würde man von einem Samariter am allerletzten erwarten, dass er sich um jemanden kümmert, der ihn nicht ausstehen kann, verstehst du?“
Ricky versuchte, sich vorzustellen, ob er jemandem helfen würde, der immer gemein zu ihm war, und war sich gar nicht sicher, was er tun würde.
„Das war dann aber ganz schön gut von dem Samariter“, fand er schließlich. Die Eidechse nickte. Und auch Jesus nickte, was Ricky wiederum seltsam fand, denn eigentlich konnten Menschen die Tiere nicht verstehen. Aber vielleicht waren Rebekka und Jesus ja Ausnahmen?

Copyright Simone Ehrhardt