1. Wie Ricky in den Urlaub flog

Es war an einem Tag im November. Ricky der Rabe saß in einem Baum und ließ missmutig die Flügel hängen. Der Regen tropfte ihm auf den Kopf und das konnte er gar nicht leiden. Außerdem war ihm kalt und sein Magen knurrte ganz schrecklich.
„Wenn es nur schon wieder Sommer wäre“, sagte er zu sich selbst und schüttelte seine Federn aus, auf die er sehr stolz war, denn sie waren ganz schwarz und glänzend. Doch heute konnte ihn nicht einmal der Gedanke an sein prächtiges Aussehen aufmuntern.

„Da kannst du noch lange warten“, hörte er von weiter oben. Er legte den Kopf schief und schielte mit einem Auge in die Baumkrone hinauf, wo ein kleiner Spatz saß und ihn frech angrinste.
„Du bist ja ein ganz Schlauer“, antwortete Ricky. „Das weiß ich selbst, dass erst der Winter kommt und dann noch der Frühling, bevor es wieder Sommer ist.“
Der Spatz hopste auf seinem Zweig herum und rief: „Tschilp, Tschilp, Tschilp“.
„Musst du so einen Lärm machen?“, rief Ricky ärgerlich zu ihm rauf. „Ich würde gern ein bißchen schlafen!“
„Schlafen, mitten am Tag?!“ Der Spatz lachte und flog weiter herunter. „Zu ärgerlich, dass Raben keinen Winterschlaf halten. Dann könntest du dich einfach hinlegen und müsstest erst im Frühling wieder aufstehen.“
Ricky sagte nichts dazu, er schloss nur die Augen.

Doch der Spatz wollte ihn nicht in Ruhe lassen. „He du! Dein Magen knurrt so laut, du solltest da wirklich etwas dagegen unternehmen.“
Natürlich hatte Ricky Hunger, aber bei dem Regen leider gar keine Lust, sich auf die Futtersuche zu machen. Im November gab es auch nicht mehr so viel Leckeres zu finden. Er seufzte tief. Während der Spatz wieder in sein lautes „Tschilp, Tschilp“ verfiel, ging unter dem Baum, auf dem sie beide saßen, eine Frau vorbei. Sie hatte frisches Obst eingekauft und ein köstlicher Duft von saftigen Orangen zog nach oben. Ricky lief das Wasser im Schnabel zusammen. Wo könnte er wohl frische Früchte finden? Er überlegte. Im Süden, oder? Wuchsen Orangen nicht im Süden?

„Ich hab’s!“, lachte er ganz glücklich, denn er hatte gerade eine tolle Idee gehabt. „Ich verreise!“
Der Spatz verstummte und zeigte ihm einen Vogel. „Weißt du nicht, dass Raben keine Zugvögel sind, sondern den Winter über zuhause bleiben? Genau wie wir Spatzen.“
Ricky winkte ab und streckte seine langen, glänzenden Flügel zur Seite. Ganz lang machte er sich, reckte und dehnte sich, schüttelte das Wasser aus dem Gefieder und wippte ein paar Mal auf und nieder, um sich aufzuwärmen.
„Das, lieber Spatz, ist mir vollkommen egal, denn ich mache nicht, was alle machen, sondern das, was ich für richtig halte. Und ich habe soeben beschlossen, nach Italien zu fliegen. Was sagst du nun?“ Und ohne die Antwort abzuwarten, stieß er sich vom Ast ab, breitete die starken Schwingen aus und flog davon.

Hoch in die Luft ließ er sich tragen, wo er einen guten Blick über den ganzen Stadtteil hatte, in dem er wohnte, und der Regen machte ihm auf einmal überhaupt nichts mehr aus. Ricky drehte einen Kreis, um sich zu orientieren, und als er herausgefunden hatte, wo Süden war, ging die Reise los. Er flog und flog, übers Land und über Städte, überquerte Wälder, Wiesen, Flüsse und abgemähte Felder, bis er zu den Alpen kam. Dort musste er eine Rast machen, denn mit leerem Magen über die Berge zu fliegen, traute er sich dann doch nicht. Er suchte sich einen alten Holunderstrauch, an dem noch ein paar Beeren hingen, und fraß, so viel er konnte. Danach war er so voll, dass er kaum noch in der Lage war zu fliegen, und die ersten Kilometer schwankte er ziemlich hin und her, aber dann ging es besser. Über den Bergen war es eiskalt, deshalb beeilte er sich und bald lagen die Alpen hinter ihm.

Wie lange Ricky der Rabe flog, weiß ich nicht genau. Ein paar Tage, nehme ich an. Auf jeden Fall ging es ihm nicht schnell genug, denn er wollte unbedingt nach Italien kommen. Und dann war er endlich da. Die Sonne schien, es war warm, das Land sah fremd aus, die Leute waren anders gekleidet und die Luft roch wunderbar köstlich nach … nach … ja, wonach denn eigentlich? Ricky steuerte einen Baum an und setzte sich hinein. Er schnupperte nach allen Seiten, aber diesen Duft hatte er noch nie vorher gerochen. Wenn er es recht bedachte, hatte er auch noch nie so einen Baum gesehen.

Am Stamm unter ihm saß eine Eidechse in der Sonne und machte ein Nickerchen.
„He du“, sagte Ricky zu ihr, denn er wollte sie fragen, was das für ein Baum war. Träge machte sie ein Auge halb auf.
„Kannst du mir sagen, welche Sorte Baum das hier ist?“
Jetzt ging auch das andere Auge halb auf. „Was bist du denn für ein komischer Vogel?“ flüsterte sie. Eidechsen flüstern nämlich nur, damit man sie nicht bemerkt.
„Wieso komischer Vogel?“ Ricky plusterte sich beleidigt auf. „Ich bin ein Rabe, ein sehr schöner Rabe!“ Würdevoll reckte er den Schnabel in die Höhe.
„Rabe? Noch nie gehört“, entgegnete die Eidechse so leise, dass Ricky den Kopf wieder nach unten recken musste, um sie zu verstehen. „Das hier ist auf jeden Fall ein Olivenbaum.“
Ricky kratzte sich mit dem Fuß hinterm Ohr. „Ein Olivenbaum? So so. Aha. Ich wusste gar nicht, dass es in Italien Olivenbäume gibt. Aber warum nicht?“
Die Eidechse streckte ihre Zunge heraus. „In Italien gibt es sicher Olivenbäume. Aber das hier ist nicht Italien.“
Ricky dachte, er hätte nicht richtig gehört. Nicht Italien? Aber wenn er nicht in Italien war, wo war er denn dann? Bevor er fragen konnte, sagte es ihm die Eidechse.
„Das hier ist Israel.“

„Israel?“ Ricky flatterte wild mit den Flügeln. „Israel! Da bin ich ja ganz falsch! Ich habe mich verflogen! Meine Güte, wie konnte mir das passieren, mir, dem Raben Ricky mit dem super Orientierungssinn?! Das ist ja megapeinlich!“ Aber alles Geflatter half nichts, er saß in Israel auf einem Olivenbaum, und ein Stück weiter unten ihm klebte eine Eidechse, die soeben wieder eingeschlafen war. Die Sonne brannte aber auch vom Himmel, dass man schon recht schläfrig werden konnte. Was sollte er jetzt tun? Zurückfliegen und Italien suchen?

Während er noch überlegte, kamen ein paar Leute zu dem Olivenbaum und setzten sich darunter in den Schatten. Sie hatten etwas zu essen und zu trinken dabei und waren sehr fröhlich. Sie lachten miteinander und schienen sich alle gern zu haben. Ricky schielte gierig auf das Brot, das in einem Korb lag und sehr knusprig und appetitlich aussah. Dabei lehnte er sich ein kleines bisschen zu weit nach vorne und – schwupp! – fiel er vom Ast. Gerade im letzten Moment, bevor er kopfüber auf den Boden stürzte, konnte er die Flügel ausbreiten und sich abfangen. Mit einem eleganten Schwung glitt er wieder nach oben, wo er sich mit Herzklopfen hinsetzte.
Das war heute ganz und gar nicht sein Tag! Erst landete er in Israel und nun fiel er auch noch vom Baum! Er hoffte, dass es niemand bemerkt hätte, aber zu spät. Die Leute waren auf den glänzend schwarzen, großen Vogel aufmerksam geworden.

„Seht mal, habt ihr schon mal so einen Vogel gesehen?“ rief einer der Männer. Die anderen schüttelten die Köpfe.
Ein Mädchen sagte: „Wie schön er ist!“
Ricky wurde ganz rot von dem Kompliment und steckte schnell den Kopf unter einen Flügel, damit es niemand sehen konnte. Das Mädchen brach etwas von dem Brot ab und hielt es in die Luft.
„Hier, Vogel, das ist für dich.“
Bei diesem verlockenden Angebot konnte Ricky natürlich nicht lange widerstehen und als sie das Stück in die Luft warf, zeigte er, wie hervorragend er mit dem Schnabel fangen konnte. Ah, er hatte sich nicht getäuscht: Das Brot war noch warm und schmeckte großartig.

Als alle gegessen und getrunken hatten und auch Ricky so satt war, dass er nicht einen Krümel mehr runtergebracht hätte, baten die Leute den einen Mann, der ihn die ganze Zeit so freundlich angelächelt hatte und der Jesus hieß, eine Geschichte zu erzählen. „Au ja, eine Geschichte“, riefen die Kinder begeistert und setzten sich ganz nah zu ihm. „Au fein“, dachte sich auch Ricky, „eine Geschichte, da hätte ich jetzt auch Lust drauf.“ Und dann dachte er sich, warum sollte er überhaupt noch nach Italien fliegen, wenn es in Israel so schön war und er eine Geschichte hören konnte? Und so beschloss er, hier bei Jesus und dem Mädchen zu bleiben, das ihn so lieb gefüttert hatte, sich ordentlich in der Sonne zu aalen und den Winter zuhause am besten ganz zu vergessen.
Und das war der Anfang von vielen Abenteuern, die Ricky in Israel erleben sollte.

Copyright Simone Ehrhardt